Pax Romana — Ein Schlüssel zum Verständnis der Offenbarung

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Du denkst vielleicht, dass die Offenbarung oder die Pax Romana des antiken Rom nichts mit deinem Leben heute zu tun haben. Da irrst du dich, und hier ist, warum.

Pax Romana

Pax Romana bedeutet “Römischer Friede” und bezeichnet eine Zeitspanne von 27 v. Chr. bis etwa 192 n. Chr., die geprägt war von:

  • wenigen Bürgerkriegen und einem starken, stabilen Reich
  • hohem Wohlstand, zumindest für die meisten
  • blühender Kunst und Kultur
  • aber auch einer Zeit vereinzelter Christenverfolgung unter Nero, Domitian und Trajan, obwohl eine systematische, reichsweite Verfolgung erst 253 n. Chr. begann

Diesen Verhältnissen lag eine in sich stimmige, geradezu theologische Vorstellung zugrunde:

  • Die Götter haben Rom auserwählt.
  • Rom und die Kaiser sind die Werkzeuge des Willens, des Heils und der Gegenwart der Götter in der Welt.
  • Die Segnungen der Götter — Sicherheit, Frieden, Gerechtigkeit, Wohlstand, Fruchtbarkeit und so weiter — stehen jedem offen, der sich Rom als Herrscher unterwirft.
  • Die Pax Romana selbst ist das ersehnte “Goldene Zeitalter”.
  • Deshalb ist der Kaiser der Anbetung, der Loyalität und göttlicher Titel würdig.

Die Kehrseite: Dieses goldene Zeitalter war auf Gewalt, Unterdrückung und erzwungener Befriedung erbaut, und golden war es nur für wenige.

Rom verbreitete diese Vision unermüdlich, unter anderem durch:

  • Kunstwerke von Leuten wie Vergil oder Epiktet
  • eindrucksvolle Prozessionen
  • Spiele
  • Statuen
  • Münzen
  • eine ständige, überwältigende kulturelle Präsenz — sie stand im Mittelpunkt fast jeder öffentlichen Aktivität

Dadurch war die Pax Romana allgegenwärtig: in der Unterhaltung, bei der Arbeit, auf dem Markt, sogar beim Essen. Und die ganze Gemeinschaft sorgte dafür, dass niemandes Fehlverhalten die Stadt die Gunst des Kaisers kosten würde.

Viele Städte — besonders in Kleinasien, wo die Sendschreiben der Offenbarung geschrieben wurden — wetteiferten miteinander im Bau von Tempeln zu Ehren des Kaisers und der Götter und in der weiteren Verbreitung der Pax Romana. Damit erhofften sie sich die Unterstützung des Kaisers oder zumindest eine Steuererleichterung.

Pax Romana und Christen

Für Christen, die unter diesem System lebten, ergaben sich mehrere ernste Probleme:

  • Jesus war ihr Kaiser — König der Könige —, zumal die Evangelien selbst als euangelion verfasst wurden, die Verkündigung der Herrschaft eines neuen Kaisers.
  • Sie empfingen ihre Versorgung von Jesus, nicht vom Kaiser.
  • Manche Aktivitäten, die fest zum bürgerlichen Leben unter der Pax Romana gehörten, etwa Orgien im Rahmen von Betriebsfeiern, widersprachen unmittelbar ihrem Glauben.
  • Gerade die Mittel, mit denen Rom das Reich “befriedete”, ließen sich nicht mit christlicher Überzeugung vereinbaren.
  • Man brandmarkte sie als intolerant, weil sie auf einem einzigen Gott bestanden, in einem Reich, das bereitwillig jede beliebige Zahl weiterer Götter akzeptierte.

Äußerliche Anpassung war der bequeme Weg.

Damit blieben den Christen im Wesentlichen drei Möglichkeiten:

  • Den Glauben ganz verleugnen, denn man kann nur einem Herrn dienen — Jesus oder dem Kaiser, nicht beiden.
  • Den Glauben voll und ganz leben und dabei soziale und wirtschaftliche Isolation, Ruin, Gefängnis oder sogar den Tod riskieren.
  • Sich äußerlich anpassen — den Kaiser mit dem Mund bekennen — und dabei innerlich Jesus treu bleiben, ihn mit dem Herzen bekennen. Der Preis dieser Option ist, dass sie den Glauben zur Heuchelei macht.

Diese dritte Option hat sich für viele Menschen im Lauf der Geschichte als verlockend erwiesen, und sie ist ein zentrales Thema, das sich durch die ganze Offenbarung zieht. Weil die Offenbarung eine Apokalypse ist, lässt sie nur zwei Optionen zu — ganz für Gott oder ganz gegen ihn, keinen bequemen Mittelweg. In diesem Sinn funktioniert das ganze Buch als Gegenpropaganda zur Pax Romana.

Christen und Juden

Die Juden waren eine weitere Quelle des Konflikts. Aufgrund ihrer langen religiösen Tradition durften sie ihren Glauben weiter praktizieren, solange dies nicht mit der Pax Romana kollidierte — sie konnten zum Beispiel weiterhin den Schabbat feiern und ihre Tempelaktivitäten ausüben.

Doch nun gab es diese neue jüdische Sekte, die Christen, die nicht nur selbst die Pax Romana missachteten, sondern auch andere im ganzen Reich dazu bekehrten, es ihnen gleichzutun. Rom reagierte, indem es die Juden dafür bestrafte, was die Juden wiederum dazu trieb, nach Gründen zu suchen, die Christen einer Verfehlung zu bezichtigen, damit das Judentum selbst ungestört weiter praktizieren konnte.

Diese Spannung lastete schwer auf den Christen, und die Offenbarung spricht sie direkt an.

Juden in der Offenbarung

In dem Buch geht es letztlich um eines: Jesus und alles, was in Bezug auf ihn entschieden wird. Das gilt auch dafür, wie das Buch die Juden behandelt.

Wir haben die Spannung zwischen Christen und Juden in der historischen Situation bereits gesehen; sie tritt deutlich in den Sendschreiben an Smyrna und Philadelphia zutage, wo jüdische Gegner die Gemeinde angriffen, weil sie von Jesus Zeugnis ablegte. Deshalb nennt die Offenbarung sie die “Synagoge des Satans”. Wenn der Text später sagt, die Juden in Philadelphia würden sich vor der Gemeinde niederwerfen, bedeutet das, dass sie Jesus annehmen würden — nicht dass sie sich der Institution Gemeinde unterwerfen würden.

Dieselbe Dynamik zeigt sich in Kapitel 11, wo der Ort, an dem die beiden Zeugen getötet werden, geistlich als Sodom (ein Ort der Sünde) und Ägypten (ein Ort der Sklaverei) beschrieben wird. Das ist eine Beschreibung Jerusalems — weil Jesus, sein rechtmäßiger Herr, dort getötet wurde —, und der Name Jerusalem wird bewusst vermieden.

In der ganzen Offenbarung wird die Beziehung zum ethnischen Israel als solchem eigentlich nie thematisiert (wie viel Gewicht man den 144.000 in Kapitel 7 beimisst, hängt davon ab, wie man diese Stelle liest); dem Buch geht es immer um die Beziehung zu Jesus.

Zugleich wird die Gemeinde als Teil Israels dargestellt, nicht als davon getrennt. Klare Aussagen im ganzen Buch beschreiben eine Einheit von Juden und Christen — die 24 Ältesten in Kapitel 4 etwa stehen gemeinsam für die 12 Stämme und die 12 Apostel, und sowohl die Namen der 12 Stämme als auch die der 12 Apostel sind in das Neue Jerusalem eingraviert.

Bemerkenswerterweise wird der Himmel selbst nie als irgendein neutraler Ort beschrieben — er wird als das Neue Jerusalem beschrieben. Es wäre überhaupt keine Überraschung, wenn Jesus bei seinem zweiten Kommen im physischen Jerusalem erscheinen würde.

Warum also nimmt die Offenbarung eine derart pointierte, ja umstrittene Haltung gegenüber den Juden ein? Weil die Gemeinde Teil Israels ist und ihre eigenen Wurzeln nicht kappen kann, selbst wenn manche Juden sie offen angreifen.

Schlussfolgerung

Die Herausforderung für die Gemeinde besteht also darin, zwei Dinge zusammenzuhalten, die in entgegengesetzte Richtungen ziehen: Teil Israels zu sein und von Israel angegriffen zu werden.

Aus dieser Spannung lässt sich viel darüber lernen, wie wir über verschiedene kirchliche Konfessionen hinweg miteinander umgehen und wie wir uns heute zu jüdischen Menschen verhalten.

Betrachtungen

Hier einige Fragen zum Nachdenken:

  • Wie wird die Pax Romana heute formuliert? Was passiert, wenn jemand widerspricht?
  • Wen oder was siehst du als Quelle für dein gutes Leben? Von wem oder was erwartest du die Lösung für die Probleme in deinem Leben oder die Orientierung für dein Leben?
  • Wie reagierst du, wenn das mit “politischer Korrektheit” in Konflikt gerät?
  • Wie bedrohst du andere Menschen, die anderer Meinung sind als du?
  • Hast du das Gefühl, in bestimmten Bereichen deines Lebens etwas vortäuschen zu müssen? Warum? Was würde passieren, wenn du es nicht tätest?
  • Wenn du in einer Situation wärst, in der dich deine persönliche Meinung oder Überzeugung viel kosten würde, würdest du trotzdem dazu stehen? In welchem Maß? Was würdest du in der Praxis tun?

Zur Vertiefung

Quellen