Die Zornesschalen

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Die Zornesschalen im Buch der Offenbarung können den Eindruck erwecken, dass Gott endlich die Geduld mit einer Welt verloren hat, die nicht hören will, und nun einen letzten Zornesausbruch loslässt. Doch dieser Eindruck täuscht — die Wahrheit ist eher das Gegenteil.

Gut, vorher zu lesen

Der Hintergrund

Wie schon die beiden anderen Serien haben auch die Zornesschalen ihren Ursprung im Thronsaal Gottes. Sieben Engel treten auf, und eines der vier lebendigen Wesen (die die Schöpfung repräsentieren) übergibt ihnen die Zornesschalen — ein interessantes Detail, denn es wirft die Frage auf, ob es die Schöpfung selbst ist, die Gott bittet, dem ein Ende zu setzen.

Mit diesen Schalen wird der Zorn Gottes vollendet. Doch was genau ist der Zorn Gottes? Er ist sowohl seine Weigerung, dem Bösen das letzte Wort zu lassen, als auch sein mitfühlendes Bestreben, das Problem der Welt zu lösen — Gerechtigkeit und Wiederherstellung zusammen, nicht das eine anstelle des anderen, wie das Urteil des Altars selbst deutlich macht: 'Wahrhaftig und gerecht sind deine Gerichte'.

Vielleicht ist dir schon aufgefallen, dass die sieben Schalen sehr viel mit den sieben Posaunen gemeinsam haben und dass beide Zyklen eng mit den Plagen in Ägypten verbunden sind. Was die Schalen jedoch zusammenhält, ist dies: Der Zorn Gottes steht in Verbindung mit den Gebeten der Heiligen. Was für ein Gedanke — Gottes Plan wird durch unsere Gebete beeinflusst.

Die Schalen

Die erste Schale trifft alle, die das Zeichen des Tieres angenommen haben (ein Symbol der Loyalität). Das liegt nahe am Kern dessen, was Gott hier beschäftigt: Wie können Menschen weiterhin jemandem vertrauen, der am Ende nichts als Zerstörung bringt? Das gilt besonders für die Gemeinde, die doch bereits weiß, wie die Geschichte des Teufels endet.

Die zweite und dritte Schale sind Gottes Antwort auf das Zum-Schweigen-Bringen seiner Zeugen — also von uns. Gott bleibt nicht stumm; er übt Vergeltung — nicht, indem er die Verfolger selbst tötet, sondern indem er das zerstört, wovon sie abhängen, und sie so zu einer Abrechnung zwingt. Liest man dies vor dem Hintergrund der ersten Plage in Ägypten (die Tötung der Quelle der ägyptischen Götter), entlarvt die zweite Schale den Teufel auf dieselbe Weise: als hilflos und rein zerstörerisch.

Die vierte und die fünfte Schale greifen ein verwandtes Thema auf: die Verhärtung des menschlichen Herzens. Vor die Wahl gestellt, leiden Menschen lieber, als Gott die Ehre zu geben — und genau das ist ihre Entscheidung: sie lästern Gottes Namen, anstatt Buße zu tun. Bald darauf versammeln unreine Geister die Könige der Erde zur Schlacht, statt sie umkehren zu lassen — die Täuschung vollendet, was die verhärteten Herzen begonnen haben.

Die sechste und siebte Schale bereiten schließlich die Zerstörung des Reiches des Teufels und aller, die sich mit ihm verbündet haben, vor — hier werden die Armeen versammelt und Babylon gestürzt, während die eigentliche Niederlage dieser Armeen erst später, in Kapitel 19, erzählt wird. Das ist die letzte Stufe einer Abfolge, die Gott von Anfang an aufgebaut hat: zuerst ruft er die Menschen dazu auf, dem Teufel nicht länger die Treue zu halten (die erste Schale), dann, auf seine Zeugen zu hören (die zweite und dritte Schale), und schließlich, ihre Herzen weich und demütig zu machen (die vierte und fünfte Schale), damit sie sich nicht täuschen lassen (die sechste Schale).

Die sechste Schale

Die sechste Schale verdient eine genauere Betrachtung für sich.

Der Fluss Euphrat trocknete aus, um den Königen aus dem Osten den Weg zu bereiten. Das ist eine ironische Aussage, die die Geschichte Armageddons bereits vorwegnimmt. Nach dem Geschichtsschreiber Herodot fiel Babylon an die Perser (die aus dem Osten kamen), nachdem diese den Euphrat umgeleitet hatten, der der Stadt bis dahin als natürlicher Schutz gedient hatte. Ob dieser Bericht historisch zutreffend ist oder nicht, sei dahingestellt — er war jedenfalls zur Zeit der Niederschrift der Offenbarung eine verbreitete Vorstellung, und genau deshalb trifft das Bild hier so genau.

Die drei Frösche, die aus dem Maul des Drachens und seiner Gefährten kommen erinnern am unmittelbarsten an die zweite Plage Ägyptens — doch sie tragen noch eine zweite Hintergrundebene in sich. Frösche waren das Tier, das mit Heqet assoziiert wurde, der Göttin der Fruchtbarkeit und Geburt, der auch die Kraft der Auferstehung zugeschrieben wurde — was auch sie hier zu einem passenden Symbol macht, denn genau hier erhebt das auferstandene Tier den Anspruch, unbesiegbar zu sein.

Eine letzte Ironie beschließt die Szene. Die Versammlung der Armeen bei Armageddon wird später von der Versammlung der Vögel in Kapitel 19 gespiegelt, und diese Parallele macht Satans Niederlage noch eindringlicher: Es entsteht der Eindruck, dass seine versammelten Armeen am Ende von nichts anderem als Vögeln zunichtegemacht werden.

Zur Vertiefung

Quellen