Die Hure Babel: Ein Spottlied auf das Römische Reich
Die Geschichte der Hure Babel in der Offenbarung ist eine der vielschichtigsten des Buches, und sie stützt sich stark auf subtile Ironie, die auf das Römische Reich zielt. Bereit dafür?
Die Münze
Beginnen wir mit einer Münze, die zu jener Zeit gängige Währung gewesen wäre.

Auf der Vorderseite ist Kaiser Vespasian (regierte 69–79) mit der Inschrift „Imp Caesar Vespasianus Aug P M TR P P P COS III" abgebildet — „Kaiser Caesar Vespasian Augustus, Pontifex Maximus (Oberster Priester), Tribunicia Potestas (Tribunengewalt), Pater Patriae (Vater des Vaterlandes), Consul zum dritten Mal." Kurz gesagt, ein Lebenslauf der Macht und Errungenschaften des Kaisers.
Die Rückseite zeigt die Göttin Roma in militärischer Kleidung, sitzend auf den sieben Hügeln Roms, mit einem kleinen Schwert auf ihrem Knie als Symbol der militärischen Macht Roms. Zu ihrer Linken und Rechten steht die Abkürzung SC (Senatus Consultum, „auf Beschluss des Senats").
Rechts verneigt sich eine männliche Gestalt, die den Fluss Tiber darstellt, der Rom umgibt, vor Roma. Unten links säugt eine Wölfin Romulus und Remus, eine Erinnerung an Roms traditionelle Gründungslegende — die eigene Datierung der Stadt durch den römischen Altertumsforscher Varro auf 753 v. Chr., und ihre selbst erzählte Abstammung von trojanischen Flüchtlingen über Romulus und Remus. Ganz unten steht das Wort Roma — möglicherweise ein Hinweis auf Roms Tradition eines „geheimen Namens", Amor, der rückwärts gelesen „Liebe" ergibt (eine Tradition, die unter anderem im spätantiken Kommentar des Servius zu Vergils Aeneis nachklingt).
Die Rückseite der Münze ist also eine unverhohlene Feier der Macht und Beständigkeit Roms. Was macht die Offenbarung mit genau dieser Bildsprache?
- Eine Frau als Wölfin zu bezeichnen war schon im gewöhnlichen Latein eine Art, sie eine Prostituierte zu nennen — und der geheime Name Amor verschärft diese Beleidigung nur noch.
- Die Göttin Roms wird hier zur Hure umgedeutet — nicht irgendeiner Hure, sondern der Mutter aller Huren.
- Die Hügel Roms, statt sie zu stützen, werden zum Tier und den Königen, die sie vernichten: Roma endet als Opfer genau der Stadt, die sie schützen sollte.
- Und statt sich mit ihrem Schwert vor Feinden zu schützen, ist sie mit dem Blut der Heiligen bedeckt.
Die Feier der Pax Romana auf der Münze wird Punkt für Punkt in ein Bild der Verachtung und des Abscheus verkehrt — eine Erinnerung an jeden Gläubigen, der diese Münze im Alltag in der Hand hielt, dass man Rom nicht trauen konnte. Es ist bemerkenswert wirksame Gegenpropaganda.
Das ist keine isolierte rhetorische Spitze. „Babylon" selbst ist in der jüdischen und frühchristlichen Literatur jener Zeit ein anerkannter Deckname für Rom — am deutlichsten in 1. Petrus 5,13, aber auch in Werken wie 2. Baruch, 4. Esra und den Sibyllinischen Orakeln 5. Babylon hatte 586 v. Chr. den Tempel Salomos zerstört; Rom zerstörte 70 n. Chr. den Zweiten Tempel. Rom „Babylon" zu nennen, stellte es in dasselbe typologische Muster eines stolzen heidnischen Reiches, das Gottes Tempel zerstört und dafür seinerseits Gottes Gericht erfährt.
Die Ekphrasis
Die erste Hälfte von Kapitel 17 ist der einzige Teil der Offenbarung, in dem ein Engel dem Leser ein statisches Bild deutet. Selbst in Kapitel 21, bei der Beschreibung des Neuen Jerusalem, zeigt der Engel nur, ohne zu erklären, und die Szene ist voller Bewegung — die Stadt kommt herab, Wasser fließt, Bäume tragen Früchte. Kapitel 17 dagegen ist ein eingefrorenes Tableau, und der ganze Fokus liegt darauf, die Prostituierte mittels des Tieres zu verstehen, auf dem sie sitzt.
Der Abschnitt ist im Stil einer Ekphrasis geschrieben, einer rhetorischen Beschreibung eines Kunstwerks (wobei die Form auch Personen oder Feste beschreiben könnte). Das berühmteste Beispiel der Gattung ist die Beschreibung des Schildes des Achilles in der Ilias.
Die Ekphrasis war in Rom ab dem ersten Jahrhundert v. Chr. beliebt, und ihr zentrales Stilmittel ist ein verwirrter Erzähler — denn der Zweck war entweder, das Verständnis des Lesers für das Bild zu vertiefen, oder eine verborgene Bedeutung zu enthüllen, die wirklich schwer zu entschlüsseln ist, wie bei der „Tabula des Kebes", wohl der berühmtesten Ekphrasis überhaupt.
Diese Tabula könnte durchaus eine Quelle hinter Offenbarung 17 sein. Sie beschreibt eine Menschenmenge, die ein Bild auf einer Weihetafel in einem Tempel betrachtet, ohne es zu verstehen, bis ein alter Mann kommt und es ihnen erklärt (siehe Kapitel 8):
- Das Leben wird als drei Ringe dargestellt, die durch Mauern getrennt sind.
- Das Ziel ist es, den mittleren Ring zu erreichen, eine Art Garten Eden, der nur erreichbar ist, indem man Ablenkungen wie Reichtum und Genusssucht überwindet und Tugenden wie Mäßigung und Standhaftigkeit übt.
- Eine große Menschenmenge will hinein.
- Am ersten Tor steht eine Frau, die jedem einen Becher anbietet. Ihr Name ist Täuschung; das Getränk ist Irrtum und Unwissenheit.
Eine weitere mögliche Parallele sind die Oden Salomos 38,9–14, wo sich Irrtum und Unwissenheit bei einer Hochzeit als Braut und Bräutigam verkleiden, und der Wein dort die Gäste ihr eigenes Verständnis erbrechen lässt.
Beide Parallelen weisen auf denselben Zweck hinter der Ekphrasis in Offenbarung 17 hin: Diese Täuschung zu verstehen ist der erste Schritt zum Reich Gottes. Wenn Rom dich getäuscht hat, bleibt dir kaum noch Hoffnung — und doch ist die Täuschung so unverhohlen, dass sie eigentlich kaum zu übersehen sein sollte.