Das Sendschreiben an Laodizäa
Der Brief an die Gemeinde von Laodizäa ist der am häufigsten gepredigte Brief der Offenbarung, sodass die meisten von uns das Problem der Lauheit schon kennen. Aber verstehen wir wirklich den Zusammenhang dahinter? Das ist hier wichtiger als sonst, denn Laodizäa ist die einzige Gemeinde, die überhaupt kein Lob erhält - nicht einmal ein kleines.
Historischer Hintergrund
Laodizäa lag an der Kreuzung mehrerer Handelsrouten und war eine überaus wohlhabende Stadt:
- Sie fungierte gewissermaßen als die Schweizer Bank Kleinasiens,
- ihre Schafzucht produzierte wertvolle schwarze Wolle,
- und sie besaß ein bekanntes medizinisches Zentrum, das für seine Augensalbe berühmt war.
Eine eigene Quelle hatte sie jedoch nicht: Ihr Wasser kam durch ein Aquädukt von Mineralquellen einige Kilometer entfernt, in der Nähe der heißen Quellen, die auch das nördlich gelegene Hierapolis speisten. Bis es die Stadt erreichte, war es abgekühlt und hatte schweren mineralischen Bodensatz aufgenommen - ein schwacher Ersatz sowohl für Hierapolis’ berühmtes heißes, heilkräftiges Wasser als auch für das kalte, erfrischende Wasser von Kolossä weiter oben im Tal. Jedes Detail des folgenden Tadels Jesu speist sich aus diesem lokalen Ruf.
Jesu Sicht
Jesus tritt dieser Gemeinde als der „treue Zeuge" und das „Amen" entgegen - ein gezielter Kontrast zu einer Gemeinde, die die Fähigkeit verloren hat, sich selbst wahrhaftig zu sehen. Ihr Kernproblem ist ein Mangel an Selbstwahrnehmung: Sie halten sich für Gottes Geschenk an die Welt, während sie in Wirklichkeit genau in den Bereichen versagen, in denen sie sich für stark halten.
Das Problem
Jesus begegnet ihnen als Kaufmann - eine Figur, mit der sie sich identifizieren können - und bietet ihnen kostenlos genau die Güter an, von denen sie glauben, sie bereits in der besten erhältlichen Version zu besitzen: im Feuer geläutertes Gold anstelle ihres Bankreichtums, weiße Gewänder anstelle ihrer geschätzten schwarzen Wolle, und echte Augensalbe anstelle ihres berühmten medizinischen Heilmittels. Sie nehmen an, dass ein anständiges Leben genügt, um eine großartige Gemeinde zu sein: keine offenkundigen Sünden, treue Zehnten, regelmäßiges Bibellesen und dergleichen.
Ihr eigentliches Problem ist, dass sie lauwarm sind, und das Bild stammt direkt von der Temperatur des Wassers. In jener Kultur wurde Wasser in zwei Zuständen geschätzt: heiß, nützlich für Heilzwecke wie die heißen Quellen von Hierapolis, oder kalt, erfrischend zum Trinken wie das Wasser von Kolossä. Laodizäas eigene Wasserversorgung kam bezeichnenderweise lauwarm durch ein Aquädukt an, nachdem sie unterwegs ihre Hitze verloren hatte - ein lokaler Scherz, den Jesus in eine geistliche Diagnose verwandelt. Die Gemeinde besitzt keine der beiden nützlichen Eigenschaften: nur lauwarmes, mineralhaltiges Wasser, das man im selben Moment wieder ausspuckt, in dem man es probiert.
Es gibt viele Wege, eine wirksame Gemeinde zu sein - Evangelisation, Gebet, Heilung, Dienst an den Armen und mehr -, jeder mit seinem eigenen echten Zweck. Die Gemeinde von Laodizäa hatte sich in keinem davon eingerichtet und war ebenso nutzlos geworden wie ihr eigenes lauwarmes Wasser.
Die Lösung
Jesus ruft sie aus ihrer Selbstzufriedenheit heraus und klopft an ihre Tür. Das ist kein Aufruf zur Bekehrung, der sich an Ungläubige richtet - manche hören darin ein Echo von dem Ruf des Liebenden an die Geliebte: ein Werben um Nähe mit denen, die bereits drinnen sind, kein Ruf an Außenstehende.
Und wenn sie zuhören, ist die Verheißung erstaunlich: Sie werden mit ihm auf seinem eigenen Thron sitzen. Die vierundzwanzig Ältesten haben bereits eigene Throne rund um Gottes Thron (Offenbarung 4,4) - doch Jesus bietet den Laodizäern einen Anteil an seinem eigenen Thron ganz besonders an, ebenso wie er selbst den Thron seines Vaters teilt (V. 21). Ist diese Verheißung Grund genug, um Laodizäa aus seiner Selbstwahrnehmung aufzurütteln?