Das Geheimnis der vier apokalyptischen Reiter

Lesezeit: 9 Minuten

In der Offenbarung sehen wir vier apokalyptische Reiter, die Krieg, Hunger und Tod über die ganze Erde bringen. Doch der erste Reiter fügt sich nicht sauber in dieses Schema ein und bereitet einige Kopfschmerzen: Er ist ein wirklich umstrittenes Thema.

Gut, davor zu lesen

Der Text

Sehen wir uns zunächst den Bibeltext an:

„Und ich sah, dass das Lamm der Siegel eines auftat, und ich hörte eines von den vier lebendigen Wesen sagen mit einer Stimme wie Donner: Komm! 2 Und ich sah, und siehe, ein weißes Pferd, und der darauf saß, hatte einen Bogen; und ihm wurde eine Krone gegeben, und er zog aus als ein Sieger und um zu siegen. 3 Und als es das zweite Siegel auftat, hörte ich das zweite lebendige Wesen sagen: Komm! 4 Und es zog aus ein anderes Pferd, ein feuerrotes; und dem, der darauf saß, wurde Macht gegeben, den Frieden von der Erde zu nehmen, damit die Menschen einander töteten; und ihm wurde ein großes Schwert gegeben. 5 Und als es das dritte Siegel auftat, hörte ich das dritte lebendige Wesen sagen: Komm! Und ich sah, und siehe, ein schwarzes Pferd, und der darauf saß, hatte eine Waage in seiner Hand. 6 Und ich hörte eine Stimme inmitten der vier lebendigen Wesen sagen: Ein Maß Weizen für einen Denar und drei Maß Gerste für einen Denar; und das Öl und den Wein beschädige nicht! 7 Und als es das vierte Siegel auftat, hörte ich die Stimme des vierten lebendigen Wesens sagen: Komm! 8 Und ich sah, und siehe, ein fahles Pferd, und der darauf saß, dessen Name war der Tod, und das Totenreich folgte ihm nach; und ihnen wurde Macht gegeben über den vierten Teil der Erde, zu töten mit Schwert und Hunger und Tod und durch die wilden Tiere der Erde.“ Offb.6/1–8

Interpretationen

Es gibt zwei wesentliche Interpretationen, und beide haben ihre Berechtigung:

  • Der erste Reiter verkörpert einen guten Charakter — er steht zum Beispiel für die Verkündigung des Evangeliums in der ganzen Welt.
  • Der erste Reiter verkörpert einen bösen Charakter, wie auch die anderen Reiter.

Erste Beobachtungen

Bei genauerem Hinsehen fallen drei starke Parallelen auf.

Zunächst beschreibt ein Text beim Propheten Sacharja mehrere Pferde in verschiedenen Farben, die die Erde erkunden. Ein paar Kapitel später spiegeln vier Streitwagen in verschiedenen Farben die Winde der Erde wider. Und die Beschreibung der vier Plagen Gottes — Schwert, Hungersnot, wilde Tiere und Pest — ähnelt stark dem Wirken dieser vier Pferde; die direkteste Entsprechung findet sich dabei allein beim vierten Reiter, dem in Offb 6,8 die Macht gegeben wird, zu töten „mit Schwert, Hunger und Pest und durch die wilden Tiere der Erde’ — fast alle vier Plagen Hesekiels in einem einzigen Vers.

Betrachtet man die Reiter selbst, zeigen sich sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede zwischen ihnen. Alle vier werden zum Handeln aufgerufen; keiner von ihnen handelt aus eigenem Antrieb. Jedem Reiter wird etwas gegeben, mit dem er handelt. Doch der erste Reiter wird durch ein verdoppeltes Verb im griechischen Text besonders hervorgehoben — er „zieht aus, siegend und um zu siegen" —, eine nachdrückliche Konstruktion, die bei den anderen nicht verwendet wird. Die Tätigkeit des ersten Reiters bleibt unbestimmt (“siegen”), während sie bei den anderen klar benannt wird: Krieg, Hunger und Tod bringen.

Der dritte Reiter ist noch einmal anders: Bei ihm fehlt die Formulierung “und es wurde ihm gegeben”. Stattdessen hält er das Werkzeug einfach in seinen Händen, was für sich genommen bereits für ein göttliches Wirken oder eine göttliche Autorisierung steht, und die Aussage ergeht vom Thron her, aus der Mitte der vier lebendigen Wesen, statt ihm direkt übergeben zu werden.

Das Geheimnis des dritten Reiters

„Und als es das dritte Siegel auftat, hörte ich das dritte lebendige Wesen sagen: Komm! Und ich sah, und siehe, ein schwarzes Pferd, und der darauf saß, hatte eine Waage in seiner Hand. Und ich hörte eine Stimme inmitten der vier lebendigen Wesen sagen: Ein Maß Weizen für einen Denar und drei Maß Gerste für einen Denar; und das Öl und den Wein beschädige nicht!“

Um das zu verstehen, braucht es ein wenig Hintergrundwissen.

Lebensmittel wurden häufig rationiert — sei es wegen einer bevorstehenden Hungersnot, einer bereits laufenden Hungersnot oder einer prophetischen Warnung davor. Zum Vergleich: Ein Maß Weizen reichte, um eine Person für einen Tag zu ernähren, und drei Maß Gerste (die als Tierfutter diente) reichten, um eine Familie drei Tage zu versorgen. Daran lässt sich ablesen, dass die Preise auf das 8- bis 16-fache des Normalpreises gestiegen sind.

Im Zusammenhang der Offenbarung fungieren Wein und Öl hier als Luxusgüter — sie stehen in diesem Buch in keinerlei Beziehung zur Salbung oder zum Abendmahl.

Diese Stelle beschreibt also keine allgemeine Hungersnot, sondern eine ungerechte Bedrohung, die gezielt die Armen trifft: Während die Luxusgüter vor jedem Schaden bewahrt bleiben (und sogar im Preis steigen), sind die Kosten für Grundnahrungsmittel auf ein unerträgliches Niveau geklettert. Deshalb ist die Stimme inmitten der vier Wesen kein Befehl Gottes, sondern ein Schrei nach Gerechtigkeit.

Das Geheimnis des ersten Reiters

„Und ich sah, dass das Lamm der Siegel eines auftat, und ich hörte eines von den vier lebendigen Wesen sagen mit einer Stimme wie Donner: Komm! Und ich sah, und siehe, ein weißes Pferd, und der darauf saß, hatte einen Bogen; und ihm wurde eine Krone gegeben, und er zog aus als ein Sieger und um zu siegen.“

Es gibt einige nachvollziehbare Argumente dafür, diesen Reiter als gut zu deuten:

  • In den Psalmen findet sich die Beschreibung eines israelitischen Königs, der seine Feinde mit einem Bogen besiegt, was als messianischer Hinweis auf Jesus gedeutet wird.
  • Es gibt klare Bezüge zu dem, der wie der Menschensohn auf einer weißen Wolke sitzt, mit einer scharfen Sichel, um die Erde zu ernten, und zu dem siegreichen Reiter auf einem weißen Pferd mit einer Krone auf seinem Haupt. Beide verweisen auf Jesus oder zumindest auf einen Engel Gottes — wobei anzumerken ist, dass die “Krone” in Offb 19,12 ein Diadem (königliche Krone, im Plural) ist, ein anderes griechisches Wort als der einzelne Siegerkranz (stephanos), der dem ersten Reiter in Offb 6,2 gegeben wird, was die Parallele etwas schwächt.
  • Der Begriff “siegen” könnte sich auf Jesus beziehen, da er auch an anderen Stellen des Buches der Überwinder ist.
  • Er reitet ein weißes Pferd, und Weiß ist andernorts im Buch ein positives Symbol.
  • Er selbst tut nichts Negatives — er siegt einfach, so wie es auch die Heiligen tun —, während es die anderen sind, die etwas Zerstörerisches bringen, sodass sich dies auch auf die Verkündigung des Evangeliums vor all den schlimmen Ereignissen beziehen könnte.

Auf der anderen Seite gibt es Hinweise, die genau in die entgegengesetzte Richtung weisen:

  • Gott wird Gog den Bogen aus der Hand schlagen, wodurch der Bogen als Waffe des Endzeitgegners gekennzeichnet wird.
  • Jesus ist nicht der Einzige mit einer Krone: auch die dämonischen Heuschrecken aus dem Abgrund tragen so etwas wie Kronen.
  • Das Motiv des Siegens wird an anderer Stelle verwendet, um das Tier zu beschreiben, das die Heiligen besiegt.
  • So wie die vier Pferde und Streitwagen bei Sacharja wahrscheinlich eine Einheit bilden, bilden wahrscheinlich auch die vier Pferde der Offenbarung eine Art Einheit — allerdings sind die Pferde bei Sacharja Gottes eigene Patrouillen, die ihm Bericht erstatten; diese Parallele allein klärt also noch nicht, ob die Reiter böse sind oder lediglich Werkzeuge, die Gottes Gericht ausführen. Das Argument für “böse” muss sich auf andere Belege stützen.
  • Manche Ausleger sehen auch in den ersten vier Posaunen und den ersten vier Schalen ähnliche Einheiten, was dafürspräche, auch die ersten vier Reiter so zu lesen — allerdings ist diese Beobachtung eher ein Hinweis als ein für sich genommen entscheidendes Argument.

Das ist verwirrend — warum gibt es Hinweise, die sowohl auf eine gute als auch auf eine böse Bedeutung hindeuten? Betrachten wir die beiden letzten Belege genauer:

  • Ein Bogen wird in der Bibel erstmals als Waffe eingesetzt in der Geschichte von Jakobs Täuschung seines Vaters, als Esau zur Jagd mit seinem Bogen ausgeschickt wird — wobei die allererste Erwähnung eines Bogens überhaupt, der Regenbogen in Genesis 9,13, ein positives Bundeszeichen ist, weshalb diese Beobachtung eher als Hinweis denn als entscheidend zu werten ist.
  • Die drei Endzeitreden Jesu, bei Markus, Matthäus und Lukas, folgen derselben Reihenfolge wie in der Offenbarung: Alle drei beginnen mit einer Warnung wie “Seht zu, dass ihr nicht verführt werdet, denn viele werden in meinem Namen kommen.” An zweiter Stelle kommt immer der Krieg, dann der Hunger, und bei Lukas folgt zusätzlich noch “die Pest”.

Die Auflösung

Es wird deutlich: Der erste Reiter ist böse, gibt aber vor, gut zu sein — so wie Jesus. Das ergibt auch im Kontext Sinn: Im vorherigen Kapitel wurde Jesus als der Einzige offenbart, der würdig ist, die Schriftrolle zu öffnen, und nun wird als Antwort darauf die wahre Natur des Teufels enthüllt — vom großen Versprechen (zu siegen) über Krieg (Verfolgung der Nichtgläubigen) und Hunger mit Ungerechtigkeit (der dritte Reiter) bis hin schließlich zu Tod und Zerstörung. Deshalb beschreibt das unmittelbar folgende Siegel den Schrei der Gerechten: “Wie lange noch?” Die böse Natur aller vier Reiter ist nun offenkundig — wobei anzumerken ist, dass angesehene Ausleger auch heute noch (z. B. Osborne, Mounce) die positive Deutung des ersten Reiters vertreten; die hier vertretene Position ist eine wohlüberlegte Sichtweise, aber nicht die einzig vertretbare.

Und jetzt ergibt auch der Bezug zu Gottes Plagen Sinn — wilde Tiere, Schwert, Hunger und Pest. Über die bereits erwähnte direkte Entsprechung beim vierten Reiter (Offb 6,8) hinaus lässt sich jeder Reiter auch andeutungsweise so zuordnen:

  • Der erste Reiter steht für die wilden Tiere, denn er ruft die beiden Tiere in Kapitel 13 und verkörpert die Täuschung — er macht viele Versprechungen.
  • Der zweite Reiter steht für das ihm gegebene Schwert — er greift jeden an, der sich nicht auf diese Versprechungen einlässt, genau wie das erste Tier in Kapitel 13.
  • Der dritte Reiter steht für den Hunger, denn die Armen leiden unter ihm. Das lässt sich auch als wirtschaftlicher Druck auf Andersdenkende verstehen, der sie verarmen lässt — vermutlich (wenn auch nicht sicher) widergespiegelt durch das zweite Tier in Kapitel 13, das von vielen Auslegern seinerseits mit der Hure in Kapitel 17 verbunden wird.
  • Der letzte Reiter fasst die Wirkung dieser bösen Dreiheit zusammen.

Eines sollte man sich merken: Wie verlockend das Angebot des Teufels auch aussehen mag und wie sehr es auch an Jesus erinnern mag — man sollte nicht darauf eingehen, es endet in einer Katastrophe. Stattdessen sollte man klug sein, und Gott wird die dazu nötige Weisheit schenken.

Zur Vertiefung

Quellen