Der Zorn des Lammes

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Was ist der Zorn des Lammes? Rechtfertigt er kriegerisches Handeln im Namen des Glaubens?

Die zweite Frage sei zuerst beantwortet: ganz sicher nicht. Das Neue Testament macht sehr deutlich, dass unser Kampf geistlicher Natur ist.

Hier ist der Text: Und ich sah, als es das sechste Siegel auftat, und siehe, es geschah ein großes Erdbeben, und die Sonne wurde schwarz wie ein härener Sack, und der ganze Mond wurde wie Blut, und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde, wie ein Feigenbaum seine unreifen Früchte abwirft, wenn er von einem starken Wind geschüttelt wird. Und der Himmel entwich wie eine Buchrolle, die sich zusammenrollt, und alle Berge und Inseln wurden von ihrer Stelle bewegt. Und die Könige der Erde und die Großen und die Heerführer und die Reichen und die Mächtigen und alle, Sklaven und Freie, verbargen sich in den Höhlen und Felsen der Berge und sprachen zu den Bergen und Felsen: Fallt auf uns und verbergt uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes! Denn der große Tag ihres Zorns ist gekommen, und wer kann bestehen?

Der Zorn des Lammes

Der Zorn des Lammes klingt wie ein Thema, das sich durch die ganze Bibel zieht, doch der Begriff selbst taucht tatsächlich nur einmal auf, genau hier, beim sechsten Siegel. Er beschreibt eigentlich nicht das Lamm selbst — er beschreibt vor allem, wie die Menschen es wahrnehmen. Nach all der Verwüstung, die die vier Reiter, die sich als Jesus ausgeben angerichtet haben, fürchten die Menschen naheliegenderweise, dass Jesus ebenso handeln wird. Doch das wird er nicht. Sein Gericht wird ernst sein — endgültige Trennung von Gott —, aber es wird nicht die Form einer verheerenden Kriegsführung annehmen.

Die Szene erinnert an Hosea, wo Israel, entehrt und beschämt wegen seines Götzendienstes, versucht, sich vor Gott zu verbergen — was seinerseits auf den Sündenfall zurückgeht, als Adam und Eva versuchten, sich vor Gott zu verstecken, nachdem sie gesündigt hatten.

Der Schwerpunkt liegt hier darauf, dass sich die Menschen verbergen, weil sie wissen, was sie falsch gemacht haben, und ein hartes Gericht erwarten — nicht auf der Darstellung eines zornigen Gottes, der ihnen unbedingt schaden will. Bemerkenswert ist auch: Beschrieben wird nur die Angst der Menschen; die tatsächliche Reaktion Jesu oder Gottes wird nie gezeigt.

Die Bedeutung von Zorn

Das in diesem Abschnitt verwendete Wort ist „orge“, das von “anschwellen” kommt und einen Widerstand beschreibt, der sich über lange Zeit aufgebaut hat — es handelt sich nicht um einen spontanen Ausbruch.

Auf der einen Seite wird den Menschen erst jetzt bewusst, was sie gegenüber Gott angehäuft haben. Auf der anderen Seite gilt: Gott hat immer wieder versucht, zu den Menschen durchzudringen, doch irgendwann endet dieses Bemühen.

Das sollte nicht den Eindruck erwecken, Gott sei wie ein Sozialarbeiter, der zu helfen versucht und dann aufgibt, weil die Menschen nicht mitziehen wollen. Vielmehr kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem er die Menschen mit den Konsequenzen ihres eigenen Handelns konfrontiert.

Die Wichtigkeit von Zorn

Der Zorn Gottes mag als ethisch und theologisch schwieriges Thema erscheinen — doch das liegt wahrscheinlich daran, dass die heutige Generation, ja selbst die Elterngeneration, in einer historisch einzigartigen Situation lebt:

  • Man ist keiner Willkürherrschaft und keiner wirtschaftlichen oder politischen Ausbeutung unterworfen.
  • Man hat keine Erfahrung mit Menschenhandel.
  • Man wurde nicht wegen seiner ethnischen Herkunft oder seiner religiösen oder politischen Überzeugungen verfolgt.
  • Man musste nicht mit ansehen, wie Freunde und Familie verhungern, weil manche Reiche noch reicher werden wollten.
  • Man hat nie einen Krieg oder eine Epidemie durchlebt, die alle dahinraffte, weil sich niemand darum kümmerte.
  • Man hat womöglich sogar echte Perspektiven und Möglichkeiten im Leben.

Doch eines sei gesagt: In der gesamten Geschichte kannte die überwiegende Mehrheit der Menschen mindestens eines dieser Dinge aus eigener Erfahrung. Sklaverei zum Beispiel ist kein Phänomen der Vergangenheit, sondern nimmt zu, und hinter dieser bösen Praxis stehen — direkt oder indirekt — Menschen, keine abstrakten Mächte.

Wenn Gott also zugunsten der Leidenden handelt, ist dieses Handeln gerechtfertigt.

Wir sind verantwortlich für das Leid, das wir anderen zufügen, und die Folgen unserer Bosheit werden nicht einfach durch ein einziges Gebet ausgelöscht. Gott will, dass sich unser steinernes Herz tatsächlich verwandelt.

Quellen