Der Zorn des Lammes

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Was ist der Zorn des Lammes? Rechtfertigt er kriegerisches Handeln im Namen des Glaubens?

Die zweite Frage sei zuerst beantwortet: ganz sicher nicht. Das Neue Testament macht sehr deutlich, dass unser Kampf geistlicher Natur ist.

Hier ist der Text: Und ich sah, als es das sechste Siegel auftat, und siehe, es geschah ein großes Erdbeben, und die Sonne wurde schwarz wie ein härener Sack, und der ganze Mond wurde wie Blut, und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde, wie ein Feigenbaum seine unreifen Früchte abwirft, wenn er von einem starken Wind geschüttelt wird. Und der Himmel entwich wie eine Buchrolle, die sich zusammenrollt, und alle Berge und Inseln wurden von ihrer Stelle bewegt. Und die Könige der Erde und die Großen und die Heerführer und die Reichen und die Mächtigen und alle, Sklaven und Freie, verbargen sich in den Höhlen und Felsen der Berge und sprachen zu den Bergen und Felsen: Fallt auf uns und verbergt uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes! Denn der große Tag ihres Zorns ist gekommen, und wer kann bestehen?

Der Zorn des Lammes

Der Zorn des Lammes klingt wie ein Thema, das sich durch die ganze Bibel zieht, doch der Ausdruck selbst taucht nur einmal auf, genau hier, beim sechsten Siegel. Der Zorn ist echt: Der Himmel selbst kündigt ihn an (11,18; 14,10; 16,19), und am Ende vollstreckt ihn das Lamm (19,15).1 Sein Gericht ist endgültig — Trennung von Gott —, aber es ist keine menschliche Kriegsführung. Seine einzige Waffe ist das Schwert, das aus seinem Mund kommt (19,15.21): sein Wort.

Die Szene erinnert an Hosea, wo Israel, entehrt und beschämt wegen seines Götzendienstes, versucht, sich vor Gott zu verbergen — was seinerseits auf den Sündenfall zurückgeht, als Adam und Eva versuchten, sich vor Gott zu verstecken, nachdem sie gesündigt hatten.2

Achte darauf, wer hier spricht. Die Worte kommen von den Verängstigten, die sich verstecken, weil sie wissen, was sie getan haben. Seit Eden verstecken sich Menschen vor Gott, und nun sehen sie, wer das Lamm wirklich ist. Die Szene zeigt ihre Angst, nicht einen zornigen Gott, der darauf aus ist, ihnen zu schaden.

Die Bedeutung von Zorn

Gottes Zorn ist kein plötzlicher Wutausbruch.

Auf der einen Seite wird den Menschen erst jetzt bewusst, was sie gegenüber Gott angehäuft haben. Auf der anderen Seite gilt: Gott versucht bis zuletzt, zu den Menschen durchzudringen, doch es kommt ein Tag, an dem die Zeit zur Umkehr vorbei ist.

Das sollte nicht den Eindruck erwecken, Gott sei wie ein Sozialarbeiter, der zu helfen versucht und dann aufgibt, weil die Menschen nicht mitziehen wollen. Vielmehr kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem er die Menschen mit den Konsequenzen ihres eigenen Handelns konfrontiert.3

Die Wichtigkeit von Zorn

Der Zorn Gottes mag als ethisch und theologisch schwieriges Thema erscheinen — doch das liegt wahrscheinlich daran, dass die heutige Generation, ja selbst die Elterngeneration, in einer historisch einzigartigen Situation lebt:

  • Man ist keiner Willkürherrschaft und keiner wirtschaftlichen oder politischen Ausbeutung unterworfen.
  • Man hat keine Erfahrung mit Menschenhandel.
  • Man wurde nicht wegen seiner ethnischen Herkunft oder seiner religiösen oder politischen Überzeugungen verfolgt.
  • Man musste nicht mit ansehen, wie Freunde und Familie verhungern, weil manche Reiche noch reicher werden wollten.
  • Man hat nie einen Krieg oder eine Epidemie durchlebt, die alle dahinraffte, weil sich niemand darum kümmerte.
  • Man hat womöglich sogar echte Perspektiven und Möglichkeiten im Leben.

In der gesamten Geschichte kannte die überwiegende Mehrheit der Menschen mindestens eines dieser Dinge aus eigener Erfahrung. Sklaverei zum Beispiel ist kein Phänomen der Vergangenheit, sondern nimmt zu, und hinter dieser bösen Praxis stehen — direkt oder indirekt — Menschen, keine abstrakten Mächte.

Wenn Gott also zugunsten der Leidenden handelt, ist dieses Handeln gerechtfertigt.

Wir sind verantwortlich für das Leid, das wir anderen zufügen, und die Folgen unserer Bosheit werden nicht einfach durch ein einziges Gebet ausgelöscht. Gott will, dass sich unser steinernes Herz tatsächlich verwandelt.


  1. Beale, S. 203, 400. ↩︎

  2. Hosea 10,8 und 1. Mose 3,8–9 stehen hinter der Szene: Beale, S. 400. ↩︎

  3. So argumentiert A. T. Hanson in The Wrath of the Lamb (London: SPCK, 1957). ↩︎

Zur Vertiefung

Quellen