Die Vision des Menschensohnes
Die Offenbarung beginnt mit einem Paukenschlag: Johannes hat eine Vision einer überwältigenden Gestalt, die zwischen den Leuchtern wandelt und Sterne in der Hand hält. Es ist klar, dass diese Vision auf irgendeine Weise den Rahmen für das ganze Buch absteckt — aber was genau ist die Botschaft?
Überblick
Johannes — höchstwahrscheinlich der Apostel (die traditionelle Identifikation, wenngleich eine Minderheit von Gelehrten für eine eigenständige Gestalt namens „Johannes der Ältere" plädiert) — wird als jemand vorgestellt, der sich auf der Insel Patmos befindet, verbannt — nach weithin vertretener Überlieferung — wegen seines Zeugnisses von Jesus, wobei umstritten ist, ob es sich um eine offizielle römische Verbannung oder ein selbstgewähltes Missionsfeld handelte. Die Vision, die er von Jesus empfängt, gliedert sich in drei Teile:
- die Vision selbst (Verse 12–16),
- seine Reaktion (Vers 17a)
- und die Deutung (Verse 17b bis 20).
Die Vision
Mehrere Elemente der Vision lohnen einen genaueren Blick:
- Die Leuchter. Das Erste, was Johannes sieht, sind sieben Leuchter, die höchstwahrscheinlich aus Sacharja stammen — falls dir dieses Buch nicht vertraut ist, hier eine kurze Zusammenfassung. In jenem Kapitel stehen die sieben Lampen für den Heiligen Geist. Ihre Bedeutung hier bleibt zunächst unklar, bis die Deutung später im Abschnitt Klarheit schafft.
- Der Menschensohn. Mitten unter den Leuchtern steht einer wie der Menschensohn — ein bekanntes Bild aus Daniel, das Jesus auf sich selbst bezog. Da Jesus auch die Rolle eines Priesters innehat, ist es seine Aufgabe, sich um die Leuchter zu kümmern, so wie es im Tempel die Aufgabe des Priesters war.
- Gewand mit goldenem Gürtel. Das Gewand und der Gürtel, die Jesus trägt, lassen sich sowohl als priesterliches als auch als königliches Kleidungsstück deuten — eine Zweideutigkeit, die durchaus beabsichtigt sein dürfte, da Jesus zugleich als Priester und als König dargestellt wird.
- Weißes Haar. Das greift die Vision aus Daniel 7 auf.
- Augen wie loderndes Feuer, Beine wie glänzende Bronze, eine laute Stimme. Das sind alles Merkmale aus Daniel 10, wo eine als engelhafter Krieger identifizierte Gestalt Daniel auf seine letzte Vision vorbereitet — dieselbe Rolle, die diese Gestalt hier für Johannes einnimmt.
Der Menschensohn wird also mit dem „Hochbetagten" (Gott) aus Daniel 7 verbunden.
Die Reaktion
Johannes bricht zusammen, ganz ähnlich wie es den Visionen Daniels bei ihm erging.
Die Deutung
Jesus bestätigt alle Aussagen, die wir am Anfang des Kapitels gesehen haben.
Schließlich wird das Geheimnis der Leuchter und Sterne gelöst: Sie stehen für verschiedene Beschreibungen der Gemeinde. Was bedeutet das nun?
Die Gemeinde wird durch zwei verschiedene Bilder beschrieben, die zwei Dinge gemeinsam haben:
- Beide sind Lichtquellen: Die Sterne geben Orientierung in der Schöpfung, und der Leuchter ist die einzige Lichtquelle im Tempel.
- Beide sind von Jesus abhängig: Die Sterne können nur leuchten, wenn sie in seiner Hand liegen, und die Lampe bleibt nur brennen, solange das Öl — der Heilige Geist — vorhanden ist.
Der Sinn der Gemeinde ist es, Licht für die Welt zu sein, damit die Welt gerettet werden kann. Das ist der Kernpunkt des Buches, und daran wird die Gemeinde gemessen: Ist die Gemeinde ein Zeugnis, das überzeugend genug ist, um die Völker zu erreichen?